Kapitel IV: Wiedergeburt

3. Oktober 2017: Existieren

Es ist mittlerweile 2 Uhr morgens. Ich liege immer noch wach im Bett und denke an das letzte Jahr. Ich fühle mich immer noch hintergangen. Als hätte es mich nie gegeben und als wäre unsere Beziehung nie existent, führt meine Ex-Freundin jetzt ein tolles Leben mit ihrem Freund, der sich einfach so in unsere Beziehung eingemischt hat, als diese gerade am Tiefpunkt war, während ich in meinem Bett liege, alleine, immer noch hell wach und mich darüber abfucke, dass sie all das hat, was ich auch haben will oder immer noch hätte, wenn ich damals nicht in Nordirland gewesen wäre, sondern bei ihr. Ich hab nichts mehr. Und ich hatte doch alles. Ich habe gelebt. Hatte was zu erzählen. Ich hatte einen Grund, der alles so einfach und erträglich machte. Das Aufstehen. Den Schulalltag. Die Langeweile. Das Einschlafen. Das Leben. Jetzt ist der Grund weg und alles ist schwer. Jeder Schritt ist einer zu viel. Warum auch gehen? Ich kann auch den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Wen interessiert es denn am Schluss? 

Ich halte es nicht mehr aus. Ich bin angespannt. Jeder Muskel in meinem Körper. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Ich muss anfangen zu leben und aufhören zu existieren. Ich will den Tag nicht mehr überleben, ich will den Tag erleben. Ich will einen Neustart. Einen Resetbutton, der mich an den Anfang des Spiels zurückbringt. Zu lange habe ich getrauert. Zu lange habe ich meine Fehler bereut. Zu lange starre ich schon auf den Bildschirm. Ich weiß, dass ich verloren habe. Wieso gucke ich mir zum tausendsten Mal die Wiederholung eines Spiels an, das mit einer Niederlage endet? Wieso starte ich kein neues? Ich schalte mein MacBook ein. Ich öffne Safari und suche Interrail. Ich gehe auf die Website und buche ein Ticket. Dann lasse ich los. Mein ganzer Körper entspannt sich. Ich fühle mich wie ein labbriger Toast. Mein unkontrollierter, schnaufender Atem wird ruhiger und gleichmäßiger. Ich fühle mich besser. Endlich wieder etwas zutun. Endlich wieder leben. 

13. Oktober 2017: Aufhören zu existieren, um zu leben

Es ist 22:15. Der Flixbus rollt aus dem Kieler Interims-ZOB in Richtung Amsterdam. Meine Mutter, mein Bruder und ich winken meinem Vater zum Abschied. Er hat beruflich zu viel zutun, als dass er mir auf meiner Reise zu mehr Sinn im Leben folgen könnte. Nach über acht Stunden Fahrt habe ich kaum ein Auge zu bekommen und bin völlig fertig als ich am morgen durch die noch leere Amsterdamer Innenstadt schlendre. Noch bevor die ersten Coffee Shops öffnen geht es auch schon weiter mit dem Zug nach Brüssel. Aufgrund meiner Flugangst habe ich meine Mutter und meinen Bruder dazu überedet, sich ein Interrailticket zu kaufen, um anstatt nach insgesamt 4 Stunden Flug, nach mehr als 30 Stunden Zug und Fähre in Belfast anzukommen. Zu unserem Glück wohnt die beste Kindheitsfreundin meiner Mutter mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Brüssel. Als wir am Brüsseler Hauptbahnhof ankommen, holt uns die Freundin meiner Mutter ab. Mein Bruder und ich setzen uns geschafft von der schlaflosen Nacht ins Auto, um von meiner Mutter und ihrer Freundin in den Schlaf getratscht zu werden. Als wir endlich vor dem Haus anhalten, in dem wir die nächsten zwei Tage nächtigen sollen, schaffen mein Bruder und ich es gerade noch so unsere Koffer ins vierte Stockwerk der Stadtvilla zu tragen, bevor wir daraufhin vier Stunden vor uns hin dösen. 

Als ich aufwache knurrt mir der Magen. Selten so hungrig gewesen laufe ich die Treppe runter in die Küche. Schon auf dem Weg dorthin kommen mir nicht nur die Stimmen meiner Mutter und unserer Gastgeber entgegen, sondern zudem noch der Duft von saftigen Steaks. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ich geselle mich zu meiner Familie und unserer Gastfamilie, die sich draussen in den Garten gesetzt haben. Ein goldener Oktobertag neigt sich dem Ende. Die Sonne, die uns dank Hoch ‚Tanja‘ nochmal einen sommerlichen Tag mit Temperaturen über 20 Grad ermöglicht hat, verschwindet langsam hinterm Horizont. Wir sitzen im Garten, an einem hölzernen Tisch. Die Stimmung ist gut. Trotzdem verspüre ich eine Unsicherheit. Die Umgebung hat etwas einschüchterndes. Ich sitze im Garten einer riesigen, vierstöckigen Villa inmitten der belgischen Metropole Brüssel. Auf mich, einen Jungen aus dem schleswig-holsteinischen Hügelland, wirkt das immer ein wenig beängstigend. Ich lausche dem Gespräch. Wie immer werde ich nach einiger Zeit gefragt, was denn nun mein Plan für die Zukunft sei. Ich hasse diese Frage, aber jeder muss sich ihr ja nach dem jeweiligen Schulabschluss stellen. Wie immer antworte ich, dass ich mir nach zwölf Jahren Schulbank nun ein Jahr Freiheit redlich verdient habe. Ich sage, dass ich reisen und arbeiten möchte. ‚Und was danach kommt, weiß ich nicht nicht, aber das werde ich dieses Jahr schon noch raus finden‘, sage ich, aber nur, um weiteren Fragen zu entkommen. Meist fragen sie dann trotzdem noch, was ich denn am liebsten machen wollen würde. Ich antworte: ‚Eventmanagement‘. Thema zu Ende. 

Wir fangen an über andere Dinge zu sprechen. Dinge, bei denen ich mich sicherer fühle. Dinge, die nichts mit mir zu tun haben. Wir diskutieren über Politik, Donald Trump, Flüchtlingskrisen und so weiter. Besser. Aber ich fühle mich immer noch nicht wohl. Ich bin immer noch eingeschüchtert und traue mich teilweise nicht meinen Mund auf zu machen, um etwas zu sagen. Die offene, laute, selbstsichere Art des Vaters unserer Gastfamilie schüchtert mich ein. Jedesmal, wenn ich von solchen offenen und selbstsicheren Menschen umgeben bin, sinkt mein Selbstvertrauen auf den Boden und mein Kopf beginnt zu qualmen. Ich suche stets nach der smartesten, charmantesten und witzigsten Antwort, um einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen, aber was ich damit erreiche sind ein schmerzender Kopf und ein Gespräch, an dem ich nicht beteiligt bin. Ich will auch so sein. Ich will auch immer was zu sagen haben. Ich will auch immer gehört werden. Ich will auch diese Wirkung auf Menschen haben. Von allen gemocht werden. Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin und auf Leute treffe, dann gehe ich unter. Je länger das Gespräch geht, desto weniger traue ich mich etwas zu sagen und nach einiger Zeit, weiß ich auch gar nicht mehr was ich sagen soll. Ich höre dann wieder alle möglichen Stimmen, die mir sagen, ich muss das auch können. Stimmen die mir sagen, dass meine Freunde lieber gemocht werden als ich jemals gemocht werden kann. Stimmen, die mir sagen, niemand würde sich für mich interessieren. Ich will auch so sein. Wie dieser Vater. Eine riesige Villa in Brüssel. Einen Tesla in der Garage. Eine hübsche Frau und zwei hübsche Kinder. Abends den Sonnenuntergang genießen, während des Barbecues den Rauch der kubanischen Zigarre in die angenehm Warme Luft pusten. Das ganze Wochenende Golf spielen. Einfach so, weil man es kann. Geld haben. Stets ein breites Grinsen auf dem Gesicht haben. Gehört werden. Gemocht werden. Geliebt werden. Ich hasse solche Menschen. Und gleichzeitig will ich einer von ihnen sein. Nur besser. Sozialer. Menschlicher. Nicht so abgehoben. Vor nicht all zu langer Zeit hatte ich noch eine hübsche Freundin. Ich war nicht weit weg von dem Leben, dass ich nun beneide. Die Kinder und das Haus waren in meiner Vorstellung auch bereits geschaffen. Jetzt ist nichts mehr von all dem übrig. Ich fühle mich nicht mehr wohl. Mein Bruder und ich stehen auf und gehen nach oben. Wir unterhalten uns noch ein wenig bis ich mich in mein Bett lege, Twitch einschalte, den Trymacs Stream öffne und mich fallen lasse. Die Stimme allein reicht aus, um mich wie Zuhause zu fühlen. Ein Gefühl anzukommen. Ein wohliges Gefühl. Ich muss niemandem etwas geben. Ich muss nichts machen. Ich muss nichts sagen. Und doch ist immer jemand da, der einfach da ist. Meine Augen werden schwer und fallen zu. 

17. Oktober 2017: Träume sind nur Träume

Ich sitze im EuroStar von Brüssel nach London. Mit bis zu 300 km/h jagen wir über die Schienen. Ich schaue aus dem Fenster. Während der Zug durch die französische Bretagne rast, sind meine Gedanken nur an einem Ort. Brüssel. Ich will auch mal ein solches Haus haben. So einen Lifestyle führen. So ein Typ sein. Ich träume. Ich träume, wie ich in einem riesigen Haus mit meiner Frau und meinen Kindern im Ausland lebe. Frankreich, Italien, Kalifornien. Ich träume davon zu viel Geld zum Ausgeben zu haben. Ich träume davon Urlaub zu machen wann und wo ich will. Ich träume. Aber das sind nur Träume. Träume, die fern von aller Realität sind. Träume heißen Träume, weil sie eben nicht mehr sind als Träume. Vorstellungen, wie es sein könnte, wenn man mehr Glück gehabt hätte, oder einfach irgendwo reingeboren worden wäre, wo diese Träume keine Träume sind, sondern Realität. Und doch haben diese Träume etwas motivierendes. Ich beschließe dieses gute Gefühl noch einige Zeit zu genießen, bevor ich wieder in die Realität eintauchen muss. 

22. Oktober 2017: Das bedeutendste Video

Ich sitze auf meinem Bett. Auf demselben Bett auf dem ich schon vor genau einem Jahr saß. In demselben Zimmer in dem ich auch schon vor einem Jahr wohnte. Damals, als ich auf mein ‚Ich liebe dich‘ keine Antwort bekam. Damals, als ich realisieren musste, dass ich drauf und dran war das Spiel, meine Beziehung, zu verlieren. Ich kann es immer noch fühlen. Was ich damals fühlte. Aber ich will es nicht mehr fühlen. Ich öffne YouTube und auf der Suche nach Relevanz lande ich bei einem Video. Von Trymacs. Sein ‚bedeutendstes Video‘. Mal schauen, was er da so zu sagen hat. 

Ich bekomme große Augen. Ich bin aufgeregt. Euphorisch. Richtig glücklich. Wow. Ich will am liebsten vor Freude schreien. Ist es nicht das, wovon ich träume? Ist es nicht genau das, wonach ich gesucht habe? Erfolgreich sein! Erfolg ist erlernbar! Ich bin auf einmal Feuer und Flamme. Der Traum von dem Haus irgendwo im Ausland, von den unzähligen Urlauben, der Freiheit, der Selbstbestimmtheit. Der Traum bedeutend zu sein. Beliebt zu sein. Dieser Traum ist auf einmal sichtbar vor meinen Augen. Ich will etwas verändern. Ich muss etwas verändern. Ich muss aufstehen und anfangen mein Leben zu leben, statt nur zu existieren. Ich muss anfangen meinen Tag zu erleben und aufhören ihn zu überleben. Ich muss ein neues Spiel starten. Wenn das stimmt, was Trymacs sagt, dass Erfolg erlernbar ist und die erfolgreichsten Menschen der Welt Bücher lesen, viele Bücher, dann mach ich das jetzt auch. Scheiße, ja! Ich will auch so sein. Erfolg haben, reich sein und von allen bewundert werden und von allen geliebt werden. Ja, Mann! Ich gehe sofort auf Amazon und bestelle Bücher. Bücher über alle Themen, die mich seit einem Jahr mehr und mehr belasten. Bücher zu privatem und beruflichen Erfolg. Zu Kommunikation und Produktivität. Ich bin so gut drauf. Ich bin so voller Energie! Ich will lernen erfolgreich zu sein. Ich drücke Spiel starten. 

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