Kapitel II: Vom Feuer und vom Phoenix

2. Oktober 2017: Ruhe

Die Sonne ist untergegangen. Es ist die zweite Oktobernacht dieses Jahr. Es ist kalt. Neben einer „viel zu dünnen“ Jacke wie meine Mutter sagen würde, habe ich mir noch schnell eine Mütze übergezogen, um meine fettigen Haare zu bedecken. Nachdem ich das ganze Wochenende in meinem beheizten Zimmer auf meinen Handy Bildschirm starrend und im Bett liegen verbracht habe, tut mir die kalte Luft sehr gut. Als ich einige Meter gegangen bin, geht mir die Musik aus meinen Kopfhörern auf die Nerven. Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren und steck sie in meine Tasche. Auf einmal ist alles leise. Ich bleibe stehen und halte den Atem an. Jetzt gibt es nur noch mich, stehend auf der Erde den Blick in den Sternenhimmel gerichtet. Ins unendliche Universum. Keiner der zwei tausend Einwohner meines Dorfes stört mich. Kein Auto. Kein Türknallen. Keine Stimmen. Nur ich. Der Boden unter meinen Füßen. Das Universum. Nur das Hier und Jetzt. Ich atme tief ein und versuche so diesen Moment für alle Zeiten in meinem Gedächtnis abzuspeichern. Montag, 2. Oktober 2017 22 Uhr. Ich schließe meine Augen. In meinem Kopf spulen sich Erinnerungen ab.

2. Oktober 2014: Kein Gedanke

Die Sonne ist untergegangen. Es ist die zweite Oktobernacht dieses Jahr. Es ist kalt. Ich verspüre ein unbekanntes Level an Aufregung. Ein unbeschreibliches Gefühl unter meiner Brust. Ein brennen in meinem Herzen. Ein Brennen, das in meinem Magen etwas in Bewegung setzt. Ein Drehen und Kreisen in meinem Bauch. Die Aufregung erzeugt ein flaues Gefühl. Ein schönes Gefühl. Mein brennendes Herz schlägt kräftiger und schneller. Ich spüre jeden Schlag in meinem gesamten Körper. Meine Kehle ist trocken. Mein Atem wird langsamer und schwerer. Jedes Mal, wenn mein Handy vibriert, fährt eine Welle durch meinen Körper, mein Herz macht einen Satz und beginnt zu rasen. Die Intensität dieses wundervollen Gefühls steigt ins Unermessliche. In meinem Kopf dreht sich alles. Kein Gedanke, der dieses Gefühl der Ungewissheit und die Aufregung nicht verstärken würde. Kein Gedanke, der sich nicht um das Mädchen dreht, das ich vor zwei Minuten am Hamburger ZOB in meine Arme schloss, während ich versuchte meine Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Einfach den Kopf ausschalten und meine trockenen Lippen auf ihre zarten drücken. Wie gerne würde ich jetzt wissen, wonach ihr Lippenstift schmeckt. Mit einem Lächeln auf meinen leider immer noch trockenen Lippen lehne ich meinen Kopf an die Fensterscheibe des Busses und schließe die Augen.

2. Oktober 2015: Alkohol und Gras

Die Sonne ist untergegangen. Es ist die zweite Oktobernacht dieses Jahr. Es ist kalt. Einer meiner besten Kumpel, zwei seiner Klassenkameraden und ich spielen bei ihm Zuhause Wii und saufen alle gesammelten Vorräte auf einmal weg. Völlig am Ende laufen wir raus und grölend durchs Dorf, klettern auf Heuballen und klauen Baustellenlichter. Am Höhepunkt des Rausches trennt sich die Gruppe versehentlich. Mein Kumpel und ich gehen am Sportplatz entlang. Ich weiß nicht, wo seine Kollegen sind. Ich weiß in diesen Momenten sowieso ziemlich wenig. Ich kann nicht mehr gehen, nicht sprechen, nicht denken. Mein Kumpel reicht mir den Joint. Ich kiffe nicht. Ich hab es noch nie und werde es auch niemals tun. Ich hasse diese drogenabhängigen Drecks-Kiffer und meine Freundin hasst sie auch. Ich nehme einen Zug und inhaliere. Ich atme aus. Ich muss nicht husten. Ich nehme einen weiteren Zug, inhaliere, atme aus. Und noch einen, und noch einen. Jetzt weiß ich gar nichts mehr. 

2. Oktober 2016: Liebe, ein Phoenix

Die Sonne ist untergegangen. Es ist die zweite Oktobernacht dieses Jahr. Es ist kalt. Vor ein paar Sekunden habe ich meiner Freundin einen letzten Kuss auf ihre Lippen gedrückt. Der Zug fährt aus dem Bahnhof aus. Ich schaue ihm nach bis ich ihn nicht mehr sehen kann, drehe mich um und spaziere durch die Felder zurück nach Hause. Ich lecke mir über die Lippen. Himbeere und Granatapfel. Den trägt sie schon seit unserem ersten Kuss. Ich denke gerne an unsere Anfänge zurück. Damals als mein Herz ein loderndes Feuer war, das niemand zu löschen vermochte. Als jede Berührung und jeder Blick dieses Feuer in jeden Winkel meines Körpers schossen. Verliebt sein. Frühlingsgefühle. Schmetterlinge. Mit der Zeit kamen wir uns näher und näher. Das Feuer wurde schwächer und schwächer, bis an seiner Stelle nur noch Asche lag. Der Bund zwischen uns jedoch wurde stärker und stärker. Während aus dem Feuer Asche wurde, stieg aus der Asche ein Phoenix, aus einem Brennen im Herzen, einem Frühlingsgefühl, wurde Liebe. Es gibt nichts schöneres und anmutigeres als diesen Phoenix. Doch vor kurzer Zeit begann mein Herz wieder zu lodern. Der Phoenix war so stark und groß wie noch nie, doch das Feuer verletzte ihn und ließ mich am Überleben dieses Tieres zweifeln. Es brauchte viele Tage und viel Wasser, um das Feuer in den Griff zu bekommen. Um ihren Glauben an unseren Phoenix wiederherzustellen, habe ich meinen letzten Joint geraucht und versucht unser Feuer wieder zu entfachen. Ich glaube, dass ich es geschafft hab. Ich glaube, dass wir das geschafft haben. In einer Woche werde ich sie wieder sehen, bevor ich in Nordirland meine Herbstferien verbringe. Ich bin mir sicher, dass wir es geschafft haben. Ich bleibe stehen. Ich atme tief ein und richte den Blick nach oben in einen klaren Sternenhimmel. Ich schließe die Augen.

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The Journey Of Jesse

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