Kapitel III: Plötzlich ist meine Zukunft Vergangenheit

Oktober 2017

Es ist über ein Jahr her als wir uns das letzte Mal getroffen haben. Das letzte Treffen, bei dem alles gut war. Das letzte Mal, das mich ihr ‚Ich liebe dich’ im innersten meines Herzens berührte und ein Brennen auslöste. Das letzte Mal, das ihre Augen mehr sagten als Worte sagen können. Das letzte Mal, das ihr Kuss mich in einen Rauschzustand versetzte. Atemlos. Betäubt. Glücklich. Als würde mein kräftig schlagendes Herz Heroin durch meine Venen pumpen. In Slow Motion sehe ich sie in den Zug steigen. Sie dreht sich um und lächelt mich an. Sie schickt mir einen Luftkuss. Überdosis.

Fuck. Es ist ein Jahr her. Wieso krieg ich sie nicht aus meinem Kopf. Jeder Gedanke an sie löst einen Schmerz in meinem Herzen aus. Ich zieh mir meine Jacke an und setz mir meine Mütze auf. Die kühle Luft tut mir gut. Ich atme tief ein und wieder aus. Zum tausendundersten Mal lasse ich das letzte Jahr Revue passieren.

September 2016: Eine Busfahrt in die Ungewissheit

Ich steige in den Bus. In 18 Stunden werden wir das schöne, sonnige Cisano am Gardasee hinter uns gelassen haben und uns im kalten und nassen Norden Deutschlands wieder unserem Schulalltag und vor allem dem Lernen für die anstehenden Klausuren widmen. Ich nehme in der vorletzten Reihe Platz. Eine Freundin setzt sich neben mich. Sie trägt meinen Pullover. Abfahrt. Der Bus beginnt seine Reise und wir ein langes Gespräch. 

Es ist Sonntag. 7 Uhr morgens. Der Bus hält 3 Stunden früher als geplant vor unserer Schule. Ich schaue aus dem Fenster und sehe meine Familie, die extra früh aufgestanden ist, um mich in Empfang zu nehmen. Ich will nicht aufstehen. Ich will am liebsten noch Stunden weiter fahren. Mein Herz brennt. Ein schönes Gefühl, das ich lange nicht mehr in dieser Intensität verspürt habe. Auf der Rückfahrt habe ich deswegen kaum ein Auge zu bekommen. Meine Sitznachbarin zieht den Pullover aus, den ich ihr geliehen habe und gibt ihn mir. Sie steht auf und lächelt mich an. Ich lächle zurück. Ich schaue sie an, während sie ihre Tasche packt und aus dem Bus steigt. Mein Herz rast. Dieses Gefühl, diese Wärme in meinem Herzen fühlt sich wahnsinnig gut an. Zu gut. Neben meinem Herzen rasen auch die Gedanken in meinem Kopf. Ich liebe meine Freundin so doll wie noch nie, aber hat das noch Zukunft? Hab ich nicht schon länger das Bedürfnis mich noch ein wenig auszuprobieren? Bin ich nicht sowieso viel zu jung für eine so ernste Beziehung? Und, was passiert mit mir in der Midlife Crisis? Werde ich mich trennen, wenn es schon zu spät ist? Jetzt habe ich noch Zeit! Und dieses Gefühl. Diese Wärme. Dieses Kribbeln. Ich will es spüren. Aber ich will es nicht spüren. Das schöne Gefühl, das angenehme Kribbeln mischt sich mit etwas, so unangenehmen, dass dieser Gefühlscocktail Übelkeit in mir auslöst. Das schlechte Gewissen. Wie erklär ich das meiner Freundin? Sollte ich ihr jetzt davon erzählen, oder sollte ich warten bis wir uns in zwei Wochen wiedersehen? Ich denke an unser letztes Treffen. Ihre wunderschönen, tiefen, grünen Augen, wenn sie mich anschaut. Ihr wunderschönes, strahlendes Lächeln, wenn sie mich ansieht. Ihre zarten Lippen, wenn sie mich küsst. Ich erinnere mich, dass ich anfangs die Augen wieder öffnete, als wir uns küssten, weil ich nicht glauben konnte, dass das gerade wirklich passiert. Ich kann nicht Schluss machen. Und wer weiß wie lange dieses neue, frische Gefühl überhaupt anhält. Mein Kopf dröhnt als hätte mir jemand mit einer Brechstange gegen den Kopf geschlagen. Ich entscheide mich dazu, in der Schule zu beobachten, ob dieses Gefühl anhält, ob es auf Gegenseitigkeit beruht und ob ich denke, dass es eine Zukunft hat. Vielleicht messe ich diesem auch eine viel zu hohe Bedeutung bei. Ich kann jetzt keine Entscheidung treffen. Ich kann erst entscheiden, wenn ich meine Freundin wiedersehe. Vielleicht verschwindet das Gefühl genauso schnell, wie es gekommen ist. Ich hoffe es und ich hoffe es auch nicht. 

Ich spüre mein Herz in meinem ganzen Körper schlagen, als ich zum Hörer greife. Meine Freundin ist dran. Ich bin noch etwas verschlafen. Nachdem ich Zuhause angekommen bin, habe ich mich erstmal für einige Stunden aufs Ohr gehauen, um den im Bus verpassten Schlaf nachzuholen. Meine Freundin hört sich nicht gut gelaunt an und um ehrlich zu sein habe ich auch überhaupt keinen Bock mit ihr zu telefonieren und mir ihre schlechte Laune reinzuziehen. Ich hab auch überhaupt keinen Bock Zuhause zu sein. Wieder dem normalen Alltag nach gehen zu müssen. Im dreckigen, nassen Norddeutschland um sechs Uhr morgens aufzustehen. In der Schule acht Stunden still da zu sitzen und den Lehrern zuzuhören. Ich will nach Cisano. Ich will in die Wärme. Ich will zurück. Ich will in den Bus. Und ich will die ganze Fahrt noch einmal erleben. 

Ich atme tief ein und wieder aus. Ich beschließe eine halbe Stunde durchzuhalten und meiner Freundin dann klar zu machen, dass ich zu müde bin, um weiter zu telefonieren. 

Als ich endlich auflege, will ich mich nur noch ins Bett legen und mich in meinen Gedanken nach Cisano teleportieren, in den Bus teleportieren, doch meine Freundin macht mir einen Strich durch die Rechnung. 

‚Wir müssen besprechen wie wir das mit der Fahrt übernächstes Wochenende machen und ich glaube wir müssen an dem Wochenende mal dringend miteinander reden‘ lese ich, als ich gerade den Wecker auf meinem Handy einstelle.

Mein Herz macht einen riesigen Satz. Eine Schockwelle durchfährt meinen Körper. Ungewissheit. Hat sie etwas erfahren, was sie nicht erfahren sollte? Aber wie? Von wem? Ich beschließe so zu tun als wüsste ich nicht worum es geht. Um genau zu sein, weiß ich auch nicht, worum es geht. Ich hab mich ihr gegenüber nicht anders verhalten als sonst. Oder doch? Schon wieder dieses Gefühl von Übelkeit.

‚Alles klar‘, sage ich, ‚ich weiß jetzt nicht genau wie du das meinst mit ‚dringend reden‘‘. Ich schicke die Sprachnachricht ab und starre gebannt auf mein Handy.

‚Wir müssen da mal so’n paar Sachen bereden und ich würd‘ das gerne persönlich machen, weil mich das echt bedrückt und das wichtig ist‘.

‚Was denn?‘ antworte ich, ‚du kannst mich jetzt schlecht 2 Wochen warten lassen‘.

Die Ungewissheit macht mich krank. Ohne auf eine Antwort zu warten, rufe ich sie an. Kopflos. Ohne nachzudenken. Ohne mir die Chance zu geben meine Gefühle näher zu ergründen. Ohne mich zu fragen, ob ich wirklich verliebt bin, erkläre ich meine Situation. 

2. Oktober 2016: Alles wird gut!

Ich öffne meine Augen. Den Blick in den klaren Sternenhimmel gerichtet. Ich schüttle meinen Kopf. Vor zwei Wochen haben meine Freundin und ich uns mehrfach getrennt und sind wieder zusammengekommen. Bis ich mich nach ihrem Bitten nach einer klaren, endgültigen Entscheidung dazu entschlossen habe mit ihr zusammenzubleiben. Sicher war ich mir nicht. Doch nach diesem Wochenende bin ich es wieder. Ein Glück. Fast hätte ich meine Freundin verlassen und all die wahnsinnig schönen Erinnerungen mit ihr vernichtet. Fast hätte ich unsere knapp zweijährige Beziehung, unsere Liebe und unsere Zukunft zerstört, nur weil ich einem kleinen Brennen in meinem Herzen zu viel Bedeutung beigemessen habe. Ich schüttle den Kopf und fange vor Erleichterung an zu lachen. Jetzt ist endlich wieder alles wie früher. Jetzt kann ich wieder zufrieden und glücklich nach vorne schauen. In einer Woche besuche ich sie noch einmal, bevor ich in den Herbstferien zwei Wochen nach Nordirland verschwinde. Aber danach, wenn ich am 30. Oktober am Hamburger Flughafen sicher gelandet bin, will ich wieder ganz ihrs sein.

30. Oktober 2016: Das Messer in meinem Herzen

Ich weine nicht als meine Freundin mir sagt, sie würde mich nicht mehr lieben. Doch als auf meine Frage, ob es jemanden anderen, jemanden neuen in ihrem Leben gibt, keine Antwort kommt, bricht es aus mir heraus. Ich finde mich wieder in einem Meer aus Tränen. Der Schmerz ist wie ein Messer, dass mir mit aller Kraft ins Herz gerammt wird. Ich bekomme keine Luft mehr. Mir wird schwindelig. Vor meinem inneren Auge spielt sich mein Leben ab. Das Messer wird rausgezogen und mit voller Wucht wieder in mein Herz gerammt. Ich höre nichts als meinen Herzschlag. Ich höre das Blut durch meine Adern pumpen. Mein Körper schreit. Die Liebe wird aus mir rausgezogen, wie die Seele durch einen Dementor. Vor zwei Monaten noch im Rauschzustand meines Lebens gewesen, spüre ich nun am eigenen Leib den wohl schlimmsten kalten Entzug, den man sich vorstellen kann.

05. November 2016: Darf ich dich küssen?

Vor 14 Stunden haben wir uns endgültig getrennt. Ich und meine Freundin. Ex-Freundin. Ich sitze auf dem Vordersitz des VW Touran. Neben mir am Steuer die Mutter meiner Ex-Freundin. Hinter mir meine Ex-Freundin. Wir sind auf dem Rückweg. Vom IKEA Bremen zurück ins 45 Minuten entfernte Nienburg. Ich habe nur einmal geweint. Sonntag, als sie es mir erzählt hat. Dass sie sich zweimal mit einem Typen getroffen hat, während ich in Nordirland auf mein ‚Ich liebe dich‘ keine Antwort mehr bekam. Er hat sie gefragt, ob er sie küssen darf. Hurensohn. Wichser. Gib mir ein Jahr und ich hab noch nicht genug Spucke zusammengesammelt, um sie ihm ins Gesicht zu rotzen. Ich bin aggressiv, verzweifelt, traurig, enttäuscht. Es gibt kein Wort, das dieses Gefühl beschreiben könnte, ich will am liebsten schreien und irgendetwas zusammenschlagen oder irgendjemanden, aber würde das helfen? Keine Ahnung. Meine Zukunftsvisionen. Unsere Zukunftsvisionen. Einfach weg. Zerplatzt wie eine Seifenblase. Unsere Kinder? Tot. Unser Haus? Zerstört. Unser Feuer? Erloschen. Unser Phoenix? Bei lebendigem Leibe verbrannt. Eine Träne rollt meine Wange hinunter. Sie bleibt in meinem Mundwinkel hängen und fließt vom einen in den anderen. Dieser Träne folgen immer und immer mehr. Ich bin leise. Fast alles ist leise. Nur das Radio spielt Musik vor sich hin, während der Wagen über die Bundesstraße rollt. Es ist zu Ende. Ich kann es nicht glauben. Ich will es nicht glauben. 

2. Oktober 2017: Betäubungsmittel

Aber es ist real. Ich fühle mich leer. Ich fühle mich verlassen. Ich fühle mich alleine. Ich bin begleitet von Ängsten. Von Ängsten, die mich unterdrücken. Die mich anschreien. Nachts, wenn ich alleine in meinem Bett liege und alles um mich herum schweigt, höre ich sie am lautesten. Ich hasse es einzuschlafen. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst vor meinen Gedanken. Ich habe Angst davor mit ihnen alleine zu sein. Ich habe Angst davor alleine zu sein. Also betäube ich den Schmerz. Ich fliehe vor der Angst. Ich fliehe vor meinen Gedanken, weil ich weiß, dass sie mich nicht einschlafen lassen würde. Falls ich es nicht schaffe während des Trymacs Streams einzuschlafen, dient mir irgendeine Sitcom als Schlafmittel. Hauptsache es ist etwas positives und lustiges. Dieses Gefühl unvollkommen und verlassen zu sein macht mich krank. Ich bin zurückgezogener und unsicherer denn je. Ich fühle mich schlecht. Ich bin der einzige der nichts gebacken bekommt. Die anderen haben ihre Ausbildung, ihr Studium, ihr FSJ, ihr Au Pair Jahr und die, die nichts von dem haben, haben ihre Freundin, ihren Freund. Ich hab nur mich, die Serie auf meinem Fernseher und den Schweinereiter, der gerade den ersten Turm des Gegners zerstört. Ich kann nicht mehr. Es geht nicht mehr. Ich muss weg von diesem endlos Pfad, der mich immer und immer weiter in den Nebel treibt. Ich muss endlichen auf einen neuen Pfad treffen. Ich brauche einen Weg, der meine Sicht wieder klarer werden lässt. Weil auf diesem Weg ist es bald so nebelig, dass ich nicht mehr weiß, wo es für mich weiter gehen soll. Ich beschließe wieder zurückzufahren. Zurück an den Ort, an dem mein altes, geliebtes Leben endete und mein neues, einsames Leben begann. Nordirland.

01. Februar 2019: 2 Jahre später

Ich sitze an meinem Schreibtisch und starre auf meinen Laptop. Neben mir auf einem College Block stehen Notizen über unsere Beziehung. Ich komm mir vor wie ein scheiß Journalist, als ich diesen Beitrag schreibe. Ich hab mir unseren kompletten Chatverlauf von damals reingezogen. Texte, Sprachnachrichten, einfach alles. Ich höre Lil Peep. Ich brauche diese depressive, tiefgründige Musik, um mich besser in die damalige Situation hineinversetzen zu können. Nachdem ich auf der Kursfahrt 2016 Gefühle für eine meiner Klassenkameradinnen entwickelte, erzählte ich meiner damaligen Freundin, dass ich nicht mehr genau weiß, ob unsere Beziehung eine Zukunft hat. Ich war zwiegespalten. Einerseits erzählte ich ihr, ich würde sie so doll lieben wie noch nie zuvor und weckte in ihr das Gefühl, sie sei die einzige, die eine, andererseits sagte ich ihr, dass wir, wenn wir uns trennen, doch bitte befreundet bleiben und ließ sie das Gefühl bekommen, ich würde jetzt jeden Moment Schluss machen. Ich wusste nicht, was ich wollte. Ich wollte sie nicht verlieren, aber ich wollte dieses neue Gefühl auch nicht verlieren. Nachdem ich meiner Freundin sagte, dass wir doch bitte befreundet bleiben sollen, weil ‚andere Paare schaffen das ja auch‘, machte sie dicht und wollte mich verständlicherweise nicht mehr sehen. Ich jedoch wollte und musste meine Freundin unbedingt noch einmal wiedersehen, um Klarheit zu bekommen und ganz sicher zu gehen, dass ich nicht im Begriff war eine voreilige Entscheidung zu treffen. Ich hatte meine Freundin seit knapp einem Monat nicht mehr gesehen und wusste nicht, ob dieses neue, frische Gefühl verliebt zu sein durch die Abstinenz meiner Freundin entstanden ist. Außerdem, und das war definitiv noch ein viel wichtigerer Punkt, wusste ich meine Chancen bei meiner Klassenkameradin nicht genau einzuschätzen. Auch, wenn ich diese Entscheidung, nachdem etwas Zeit verstrichen wäre, zu hundert Prozent bereut hätte, hätte ich gewusst, dass mit meiner Klassenkameradin was laufen kann, dann hätte ich wahrscheinlich ohne zu zögern gehandelt. Ich war damals der Hurensohn. Der Wichser. Für den es nicht reichen würde ein Jahr spucke anzusammeln, um sie ihm ins Gesicht zu rotzen. Wir machten Schluss, kamen wieder zusammen, machten Schluss und kamen wieder zusammen. Mehrfach wiederholten wir dieses Szenario, bis meine Freundin mir sagte, dass ich eine endgültige Entscheidung treffen muss. Ich machte Schluss, um zwei Stunden später wieder heulend bei ihr anzukommen. Endgültige Entscheidung: Wir bleiben zusammen. Zwei Wochen später fuhr sie endlich mit dem Zug in den Kieler Hauptbahnhof ein. Nachdem es anfangs sehr distanziert war, näherten wir uns wieder an. Ich dachte damals, dass es, wenn ich weiter mache wie vorher, ‚alles schon wieder wird‘. Doch natürlich ist nach so einem hin und her nichts wie vorher. Außerdem war es vorher auch nicht perfekt. Wir waren zwar beide glücklich und liebten uns sehr, aber leichte Meinungsverschiedenheiten und heftige Streitereien waren an der Tagesordnung. Ich dachte, dass meine Freundin so stark an mir hängen würde, dass unsere Liebe, wenn ich so weiter machen würde wie vorher, sofort wieder an dem Punkt ist, an dem sie vor der Kursfahrt war. Ich gab viel zu wenig, weil ich mich nicht genug in meinen Partner hineinversetzte. Und genau in der Zeit, in der meine Freundin tief im Herzen immer noch stark verletzt war und Zweifel hegte, kam jemand, der begann die Wunden mit der richtigen Medizin zu heilen und ihr wieder Hoffnung gab. Sie erzählte mir noch, dass sie von jemandem angesprochen wurde, doch alles was ich tat, war mich über den Namen lustig zu machen. Ich habe nie damit gerechnet, dass sie Schluss machen würde. Ich dachte, wenn jemand Schluss macht, dann ich. Als ich aus Nordirland zurückkam und davon erfuhr, fühlte ich mich verraten und hintergangen. Sie hatte mir nicht erzählt, dass sie sich überhaupt mit ihm getroffen hatte und dann erzählt sie mir, dass er sie küssen wollte. Wut, Hass, Aggression sind nur drei der Gefühle, die ich damals verspürte. Doch war ich der, der hintergangen wurde? In dem Beispiel definitiv. Doch war ich zu ihr hundertprozentig ehrlich? Habe ich ihr davon erzählt, dass ich mich verliebt habe? Ich dachte, dass ich es ihr nach einiger Zeit, wenn Gras über die Sache gewachsen ist, schon davon erzähle. Doch bevor ich es tat, ging das ganze Schlussmach-Szenario wieder los. Von ihrer Seite. Grund genug für mich ihr die Schuld zu geben und die Fehler, die dazu geführt haben bei ihr zu suchen. Also habe ich ihr nie erzählt, was der wahre Grund für mein plötzliches Gefühlsdusel war. Nicht nach der Kursfahrt und auch bis heute habe ich kein Wort darüber verloren. Ich gieße den Kaffee aus der French Press in meine Tasse. Ich starre auf mein MacBook. Ich lese mir meinen Beitrag zum tausendundersten Mal durch. Ich kann ihn nicht hochladen. Noch nicht. Ich spüre mein Herz in meinem ganzen Körper schlagen als ich zum Hörer greife. Meine Ex-Freundin ist dran. 

Ich will, aber ich weiß nicht wie ich von unserem Telefonat schreiben soll. Ich kann nur sagen, dass ich geflasht bin mit wie viel Offenheit, Ehrlichkeit und Verständnis mir meine Ex-Freundin begegnet ist. Ich bin unfassbar glücklich darüber, dass wir uns noch einmal ausgiebig über unsere Beziehung ausgetauscht haben. So komisch es klingt nach knapp zweieinhalb Jahren noch einmal alles aufzuarbeiten, war es dennoch die beste Entscheidung. Nach einer Beziehung hat man oft das Gefühl es würde etwas zwischen einem und dem Ex-Partner stehen. Und das stimmt. Uneinigkeit, Verständnislosigkeit, Eifersucht, Unzufriedenheit (vor allem auch mit sich selbst), lauter ungeklärte Fragen und vor allem auch Zeit sind ein paar der Dinge, die verhindern, dass man sich in der Gegenwart seines Ex-Partners wohl fühlt und barrierefrei kommunizieren kann. Solange man diese Fragen nicht klärt ist es kein Wunder, dass, laut einer Studie der Oakland University, Menschen, die mit ihrem Ex-Partner immer noch befreundet sind oft psychopathische Züge haben. Psychopathen wollen laut den Forschern ihre Ex-Partner um sich haben, um von ihnen weiterhin Dinge wie Sex, Geld oder Informationen zu bekommen. Eine wirkliche, ‚psychopathenfreie‘ Freundschaft mit seinem Ex-Partner kann man meiner Meinung nach erst nach dem Verstreichen von Zeit, dem Klären von Uneinigkeiten und offenen Fragen und vor allem dem Erlangen eines gesunden Selbstbewusstseins führen. Ich denke nicht, dass meine Ex-Freundin und ich soweit sind, dass man sagen kann, es stände nichts mehr zwischen uns. Jedoch bin ich überzeugt, dass es nicht mehr viel bedarf, um dieses Level zu erreichen.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass wir bestimmt noch einige Zeit hätten zusammenbleiben können, aber die Gefühle, die wir beide für Andere entwickelten, waren klare Indikatoren für die Unzufriedenheit mit der Art wie wir unsere Beziehung führten, für die Unzufriedenheit mit uns gegenseitig und vor allem aber für die Unzufriedenheit mit uns selbst. Jetzt zweieinhalb Jahre nach der Trennung bin ich unfassbar dankbar und glücklich, dass es so gekommen ist. Meine Ex-Freundin ist einen Monat später mit ihrem neuen Freund zusammen gekommen (ja, mit dem über dessen Namen ich mich noch lustig gemacht habe) und mit ihm bis heute zusammen. Und ich? Wie ist mein Leben bis heute verlaufen? Mein Leben hat noch nicht einmal angefangen!

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The Journey Of Jesse

Quelle: https://www.huffingtonpost.de/entry/ihr-seid-mit-eurem-ex-partner-befreundet-dahinter-konnte-eine-ernsthafte-krankheit-stecken_de_5a3d0c41e4b06d1621b3e530

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