Kapitel I: Der Traum vom Kind sein

Ich wache auf. Die Sonne scheint durchs Fenster rein. Ich kneife geblendet durch ihre Strahlen die Augen zusammen, drehe mich zur Seite, schließe die Augen und versuche wieder ins grenzenlose Reich der Träume einzutauchen. Zwecklos. Der Morgen hat mich. Ich wälze mich zur anderen Seite meines 1,40 mal zwei Meter Bett und greife nach meinem Handy. Ich knips es an. Halb elf. Ich schalte den Flugmodus aus und öffne YouTube. Ein neues Video von meinem Lieblings Clash Royale Streamer, Trymacs? Ein wenig Gameplay? Vielleicht doch noch mal die Highlights des gestrigen Streams? Oder eine interessante neue Doku? Ich guck mich durch die YouTube Geschichte auf der Suche nach etwas, dass mich fesselt, etwas, dass mich bewegt, etwas, dass mich glauben lässt, ich hätte meine Zeit sinnvoll genutzt.

Zeit. Davon hab ich seit meinem Abi viel zu viel und trotzdem zu wenig. Die Tage rennen. Einer versucht schneller als der Andere zu sein. Ich wünschte die Zeit würde wieder in dem Tempo laufen, in dem sie lief, als ich noch ein Kind war, ohne Verantwortungen und Erwartungen. Einfach frei. Selbstbestimmt. Die Möglichkeit gegeben, die eigene Fantasie uneingeschränkt ausleben zu können. Drachen in die Luft und Dinos auf den Boden zu projizieren. Allem, ob unsichtbar oder undefinierbar, Leben einzuhauchen. Gott der Welt, die unserer Fantasie entspringt, zu sein. Träumen, fantasieren, spielen dürfen, zeitlos sein, eine Illusion, die uns für den Rest des Lebens bis zur Rente verwehrt bleiben wird. Wenn mein freies Jahr zu Ende geht, bin ich 20 und werde mit Studium und der darauffolgenden Arbeit bis zur Rente 45 Jahre verplant sein. Wenn man es so ausdrückt kommt das einem vor wie Knast. 45 Jahre. Ich bin 20. Wenn ich 80 werde, bleiben mir mit 65 dann noch 15 Jahre für mich. Um wieder Kind zu sein. Wenn mich mein Alter schon längst körperlich im Griff hat und einschränkt. Wenn man aufpassen muss, dass man nicht zu dolle macht, wegen Herz und möglicher Artrose. Ekelhaft. Zukunftsvision.

Krass, wie ich gerade abgeschweift bin. Und so gruselig und noch gruseliger wie geschildert, sind auch nur meine Gedanken. Mein Leben ansonsten: Abiturdurchschnitt 2,7, Abirede gehalten, coolen Freundeskreis, erst seit einem halben Jahr getrennt von meiner Freundin, mit der ich ein Zehntel meines Lebens verbrachte, geliebt von Freunden und meiner wunderbaren Familie. Ich hab keine Schicksalsschläge oder Traumata mitbekommen. Ich hab ein ganz normales Leben geführt. Dennoch immer diese Gedanken, dass andere besser sind, dass ich nicht genug bin, dass alles was ich kann andere besser können, alles was ich haben will, könnten andere schneller haben und hätten es mehr verdient. Auf Partys hab ich mich kaum getraut den Mund auf zu machen. Selbst mit 3 Promille kommt nur die schüchterne und zurückhaltende Sau raus. In Gesprächen mit Fremden werde ich total nervös. Sogar in Gesprächen mit Freunden. Jeder steht über mir. Alle sind besser. Nur mit Menschen, die noch unselbstbewusster aussehen als ich, laufen die Gespräche. Aber wie. 

Zwei Stunden sind nun vergangen. Kaum interessante Videos dabei. Ich hab immer hin schon etwas gefrühstückt. Ich öffne Clash Royale und fange an zu zocken. Clash Royale, by the way, ist ein Spiel in dem man in Echtzeit gegen einen zufälligen Spieler irgendwo auf der Welt mit acht selbstgewählten Truppenkarten und Zaubern versucht einen oder mehrere der drei Türme des Gegners innerhalb von drei Minuten und gegebenenfalls bei Unentschieden plus einer Minute Nachspielzeit zu zerstören. Ich war süchtig nach diesem Spiel. Keine Frage. Um 15 Uhr treffe ich mich mit einem Kumpel im Gym und wir scheitern bei dem Versuch unsere kaum vorhandenen Muskeln zu vergrößern. Vielleicht machen wir danach noch etwas, aber eigentlich fahre ich immer zu 18 Uhr nach Hause. 19 Uhr, Trymacs Stream beginnt. Ich fange an etwas zu Essen zu kochen. Dieses Prozedere, beim Essen Kochen Clash Royale Gameplay anzugucken und danach das Gekochte zu verschlingen, habe ich nun schon so oft an verschiedenen, aufeinanderfolgenden Tagen durchgeführt, dass allein Trymacs Stimme ausreicht um meinen Magen zum Knurren zu bringen. Um 23 Uhr ist der Stream zu Ende und ich begebe mich in mein Bett, schaue noch ein wenig Netflix. Nach 12 Jahren Schule versuche ich jede Sekunde meiner Freiheit und meiner kindlichen Verantwortungslosigkeit zu genießen. Wenn ich nur die Stimme in meinem Kopf zum Schweigen bringen könnte. Nein, ich weiß noch nicht, was ich machen will. Keine Ahnung. Scheiß egal. Ich hab Zeit. Der laufende Bildschirm lässt meine Augenlider träge werden. Ich gebe nach und schließe meine Augen. Bald bin ich wieder zurück. Im grenzenlosen Reich der Träume. Bald bin ich wieder zurück. Bald kann ich wieder Kind sein.

Abonniere Jetzt!

The Journey Of Jesse

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.