#3 Du bist die Person, die mich glücklich macht! – ein Beitrag über Likes auf Instagram

Teilen. Ich nehme meinen Finger vom Screen. Automatisch öffnet sich eine neue Seite. Oben ist ein blauer Ladebalken zu erkennen. Er wird immer länger. Dann ist es soweit. Gepostet. Ein neues Bild. Ich habe im letzten halben Jahr viele schöne Momente gesammelt. Die wollte ich mit der Welt teilen. Und jetzt hab ich das mal wieder gemacht. Ist eigentlich nichts dabei, oder? Nichts, weswegen ich es jetzt als notwendig ansehe etwas darüber zu schreiben.

Ich schließe Instagram und öffne YouTube. Schaue irgendein Video, während ich etwas esse. Nach kurzer Zeit bekomme ich immer und immer wieder Benachrichtigungen. Ihr gefällt dein Beitrag. Ihm gefällt dein Beitrag. Irgendwas macht das mit mir. Dieses Gefühl. Diese Spannung. Irgendwie aufregend. Ein warmes Gefühl in dem Bereich meines Körpers, in dem sich mein Herz befindet. Komischer Weise fühlt es sich irgendwie an wie verliebt sein. Nur wesentlich weniger intensiv. Verliebt sein geteilt durch tausend. Ich will wissen, wie viele Likes ich habe. Ich schaue nach. 30 Likes nach einer Stunde. Ist doch ganz gut. Ich aktualisiere nochmal. 31. Zufrieden knipse ich mein Handy aus.

Ich mache mich bettfertig. Putze Zähne. Lege meine Klamotten für den nächsten Tag zusammen. Stelle ein Glas Wasser an mein Bett. Stelle den Wecker. Schließe mein Handy ans Ladekabel und mache es mir gemütlich. Doch ich kann jetzt noch nicht schlafen. Dieses Gefühl. Diese Spannung. Ich muss unbedingt noch einmal nachschauen. 50 Likes… Ist das gut? Es sind jetzt knapp zwei Stunden vergangen. Ich weiß nicht warum, aber ich habe das dringende Bedürfnis über 100 Likes zu bekommen. Wie auf meinen anderen Bildern. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf Profilen meiner Freunde nachschaue, wie viele Likes sie haben. Ich überprüfe, wie viele Likes sie im Vergleich zu ihren Follower haben. Immer und immer weiter suche ich. Immer und immer mehr vergleiche ich. Wenn jemand weniger Likes hat als ich, fühle ich mich gut. Wenn jemand mehr Likes hat, fühle ich mich schlecht. Ich suche nach Ausreden. Ich will Likes. Mehr Likes. Ich habe ja noch meinen fritzjesselau Account. Mit dem kann ich auch noch liken. Und was ist, wenn ich doch weniger Likes habe als sonst? Bin ich dann unbeliebter? Denken andere schlechter von mir, wenn ich nicht genügend Likes habe? Vielleicht habe ich auch einfach zur falschen Zeit gepostet. Zu welcher Uhrzeit sind meine Follower denn am aktivsten? Fragen über Fragen. Plötzlich fühle ich mich schlecht. Mein Kopf brummt. Ich will Likes. Fuck. Was mache ich hier, eigentlich? Ich schließe Instagram und meine Augen.

Krass. Ich hätte nicht gedacht und doch wusste ich es irgendwie, was für einen großen Einfluss das Teilen eines Moments auf meine Emotionen hat. Auch, als ich heute morgen aufgewacht bin, habe ich erstmal gecheckt, wie viele Likes mein Bild jetzt hat. Mir sind die Likes unter meinen Bildern wichtig. So ein Bullshit. Eigentlich. Aber das muss ich ganz selbstkritisch feststellen. Mein Selbstwert fällt und steigt mit einer Zahl unter einem Foto meiner selbst. Ich will gar nicht wissen, wie toll ich mich fühlen würde, wenn diese Zahl höher wäre als unter meinen anderen Bildern. Ich würde wahrscheinlich denken, dass ich beliebter bin als früher. Ich würde denken, dass ich beliebter bin, als Leute, die weniger Likes haben. Aber ich würde mich garantiert schlechter fühlen und unbeliebter, wenn mein Bild die hundert Likes nicht erreicht. Ich definiere mich über Likes.

Da ging es mir eben noch darum einen schönen Moment zu teilen und auf einmal sehe ich mich sabbernd im Dunkeln vom Blaulicht meines Handys angeleuchtet und wartend auf den nächsten Like. Schon die Erwartung kickt Dopamin in mein System. Ich starre auf meinen Bildschirm, als wäre es das Weltmeisterschaftsfinale 2014. Was für ein Bullshit. Und ich weiß es. Es ist dumm. Auf Likes kommt es nicht an. Aber warum mache ich mich davon so abhängig? Und wie komme ich los von dieser Abhängigkeit? Emotionale Abhängigkeit. Ich will das nicht mehr. Und trotzdem weiß ich, dass ich gleich mein Handy rausholen werde und schauen werde, wie viele Likes ich habe. Schon der Gedanke gibt mir ein positives Gefühl. Sinke ich tiefer, wenn ich nachgebe? Komme ich von der Sucht nach Likes los, wenn ich dem Drang widerstehe? 

Ich bin süchtig nach Anerkennung. Ich bin süchtig nach Beliebtheit. Mein Wert fällt und steigt nach irgendwelchen selbstgeschaffenen Standards. Ich setze mir eine Messlatte. Alles darunter lässt meinen Wert sinken. Alles darüber lässt ihn steigen. Ich vergleiche und vergleiche. Mit mir selbst und anderen. Äußerlichkeiten sind es, die meine Gefühle und meine Wertigkeit bestimmen. Wenig kommt von innen. Und dabei denke ich, dass es gerade mein Inneres ist, das mich von äußeren Einflüssen und selbstgeschaffenen Standards loslöst. Ich bin abhängig. Von der Meinung anderer Menschen. Ich bin nicht die Person, die mich glücklich macht. Du bist die Person, die mich glücklich macht. 

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